"Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen" - mit diesem Titel ihres Buches ist Ira Peter, Journalistin, Bloggerin und Marketingberaterin sowie Kuratoriumsmitglied der Stiftung Verbundenheit, derzeit zu Buchvorstellungen und Lesungen in ganz Deutschland unterwegs. Ira Peter, als Neunjährige mit ihrer Familie von Kasachstan nach Deutschland umgesiedelt, beschreibt anhand ihrer eigenen Biografie und ihrer Erfahrungen die Konflikte, Probleme und Herausforderungen, mit denen sich Russlanddeutsche konfrontiert sehen – Scham über die sowjetische Herkunft, die kurzsichtige Integrationspolitik und die aufkommenden Fragen, wie sie es denn in Zeiten des russischen Angriffskrieges mit Putin-Russland halten. Darüber und weitere interessante Punkte, die die gut drei Millionen Russlanddeutschen in Deutschland betreffen, konnten wir in der neuesten Ausgabe unserer Miniinterview-Reihe #verbunden_mit mit Ira Pete sprechen.
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Liebe Ira Peter, „Deutsch genug?“ – Ist das eine Frage der Russlanddeutschen an sich selbst oder auch die, die die Deutschen sich über die Russlanddeutschen stellen? Oder im Rahmen des Buches bewusst beides?
„Deutsch genug?“ ist bewusst doppeldeutig gemeint – es ist sowohl die Frage, die sich viele Russlanddeutsche selbst stellen, als auch die, die ihnen oft von außen gestellt wird. Mein Buch richtet sich deshalb an beide Gruppen: an Russlanddeutsche, die nach Orientierung, Sprache und Anerkennung suchen – und an alle anderen in Deutschland, die besser verstehen wollen, wer diese Menschen sind, woher sie kommen und warum sie bis heute so wenig gesehen werden.
In Ihrem Buch wird von der "postsowjetischen Belastungsstörung gesprochen. Was ist dies und welche Symptome hat sie?
Die „postsowjetische Belastungsstörung“ zeigt sich oft in Misstrauen gegenüber Institutionen, Schweigen über familiäre Traumata, emotionaler Distanz und dem Gefühl, ständig funktionieren zu müssen. Viele Russlanddeutsche haben gelernt, sich anzupassen, aber nicht zu erzählen – das wirkt bis heute in Familien und Integrationsprozesse hinein.
In Deutschland ein Russe, in Russland ein Deutscher. Man kennt es gerade im Bereich der deutschen Minderheiten und der (Spät-)Aussiedler, dass damit schnell verbunden wird, dass man in zwei Welten zu Hause ist, mindestens zwei Kulturen kennen darf, die das Leben bereichern. Man kennt aber auch Stimmen, die sagen, dass sie weder in der einen noch in der anderen richtig zu Hause sind. In den Familien aber gibt es oft entweder Assimilation unter Spätaussiedlern oder aber das komplette Bekenntnis – im Falle der Russlanddeutschen – z.B. Russe zu sein, weil das Bild der Menschen einseitig ist. Ist es in der jetzigen Zeit immer noch nicht normal - oder eben deutsch genug, beides sein zu können?
Für einige Russlanddeutsche war und ist es bis heute schwer, „beides“ zu sein, weil sie oft von beiden Seiten nicht ganz anerkannt werden – in der Sowjetunion galten sie als Deutsche, in Deutschland wurden sie vor allem kurz nach der Einreise in den 1990ern eher als „Russen“ wahrgenommen. Die vermeintliche Bereicherung durch zwei Kulturen ist real, aber sie ist nicht automatisch einfach: Sie setzt eine Gesellschaft voraus, die Ambivalenz aushält und Zugehörigkeit nicht an Sprache oder Herkunft misst. „Deutsch genug“ zu sein bedeutet für mich auch, unterschiedliche Prägungen und Erfahrungen selbstverständlich leben zu dürfen – ohne sich erklären zu müssen.
Wie sehen Sie den (Spät-)Aussiedlerhintergrund in Bezug auf die zweite oder dritte Generation hier in Deutschland? Gibt es dort ähnliche Muster oder Denkweisen? Wie gehendie noch jüngeren mit dem Thema um?
In der zweiten und dritten Generation sind die Prägungen des (Spät-)Aussiedlerhintergrunds oft nicht mehr so sichtbar, wirken aber in familiären Mustern weiter – etwa in einem hohen Anpassungsdruck, Leistungsdenken oder dem Gefühl, immer stark sein zu müssen. Viele junge Russlanddeutsche, vor allem die hier Geborenen, gehen selbstverständlicher mit ihrer Herkunft um, sprechen oft kein Russisch mehr, sind stärker deutsch sozialisiert – und setzen sich teils erstmals mit der eigenen Familiengeschichte auseinander. Ich sehe darin eine Chance: Die jüngere Generation beginnt, offene Fragen zu stellen, Tabus zu hinterfragen und dadurch neue Narrative über Zugehörigkeit, Identität und Erinnerung zu entwickeln.
Ja, das ist sehr interessant, dieser Blick auf die eigene Position und Situation. Der Blick von außen aber ist die zweite Seite: Wie kann man es schaffen, dass das Bild der Russlanddeutschen bzw. über die Russlanddeutschen in der deutschen Öffentlichkeit – also dass sie angeblich rechts wählen, nur Russisch sprechen und Putin-Unterstützer seien – positiver bzw. wahrheitsgetreuer wird? Wir sprechen von 2,5 bis 3 Mio. Menschen in Deutschland, die sich in der Gesamtgesellschaft nicht abstempeln lassen wollen.
Das Bild der Russlanddeutschen in der Öffentlichkeit ist bis heute stark verzerrt und oft auf Klischees reduziert – rechte Wählerschaft, Putin-Nähe, Sprachbarrieren. Aber zweieinhalb bis drei Millionen Menschen lassen sich nicht auf Schlagworte reduzieren. Was fehlt, ist eine vielstimmige, differenzierte Darstellung dieser doch sehr heterogenen Gruppe – in Medien, Bildung und Politik. Seit 2017 versuche ich durch meine Arbeit als Journalistin, Autorin und Podcasterin genau das sichtbar zumachen: die Vielfalt innerhalb der Gruppe, die historischen Prägungen, die Brüche, aber auch die Erfolge und Ressourcen. Ich glaube, wir brauchen mehr Räume, in denen Russlanddeutsche selbst zu Wort kommen, ihre Geschichten erzählen und nicht nur kommentiert werden. Nur so entsteht ein wahrheitsgetreueres, gerechteres Bild – und echte Teilhabe.
Kommen wir zu einem aktuellen Aspekt: Viele Personen in den neuen Bundesländern, die die Zeit in der ehemaligen DDR und den Einfluss Russlands bzw. genauer gesagt den der Sowejtunion noch gut kennen, haben sich bei der Bundestagswahl für die AfD entschieden. Auch Russlanddeutsche seien, so die Informationen in Politik und Gesellschaft, besonders von der AfD angesprochen und würden diese Partei aufgrund Ihres Russlandverhältnisses wählen. Gibt es dazu neue Erkenntnisse? Ist dies der Fall oder wählen die Russlanddeutschen eher wie ein Spiegelbild der Gesellschaft?
Es stimmt, dass ein Teil derRusslanddeutschen zur AfD tendiert – aber das betrifft nicht die ganze Gruppe, sondern vor allem bestimmte Milieus, wie wir sie auch in anderen Teilen der Gesellschaft sehen. Ursachen sind beispielsweise Angst vor sozialem Abstieg, gesellschaftliche Entfremdung, fehlende Anerkennung und Misstrauen gegenüber Institutionen – nicht unbedingt die Herkunft also. In Summe wählen Russlanddeutsche sehr unterschiedlich und nicht wesentlich häufiger die rechte Partei als andere Bundesbürgerinnen und -bürger. Pauschale Zuschreibungen greifen zu kurz – wir brauchen mehr differenzierte Debatten und Sichtbarkeit statt Stereotype.
Was wünschen Sie sich persönlich? Was sollen die Leserinnen und Leser nach der Lektüre Ihres Buches für sich mitnehmen?
Ich wünsche mir, dass Leserinnen und Leser nach der Lektüre nicht nur mehr über Russlanddeutsche erfahren, sondern auch erkennen, wie vielfältig, widersprüchlich und oft unsichtbar ihre Geschichten in Deutschland sind. Mein Ziel war es, Verständnis zu wecken – nach innen und außen: für biografische Brüche, postsowjetische Prägungen und das Ringen um Zugehörigkeit. Wenn das Buch dazu beiträgt, Vorurteile abzubauen, neue Fragen aufzuwerfen und Raum für differenzierte Gespräche zu schaffen, dann hat es viel erreicht.
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Erfahren Sie mehr zum Buch von Ira Peter unter folgendem Link:
https://www.penguin.de/buecher/ira-peter-deutsch-genug-/buch/9783442317776
